Von der Tiefe des Raums

Dr. Gabriele Uelsberg
LVR – Landesmuseum Bonn

Eine Aussage der Malerin Claudia Schmidt mag auf den ersten Ansatz hin verblüffen und die Frage nach der Inhaltlichkeit und Gesetzmäßigkeit von „Peinture“ an sich aufwerfen. „ Ein Bild hat nichts mit Malerei zu tun – nur insofern wie es die Bühne hergibt, für das, was geschieht.“ So formulierte es Claudia Schmidt bereits 1995 und die Aussage dieser Formulierung trifft ihre Malerei bis heute im Kern.

Malerei ist Basis und Mittel zum Zwecke der Erschaffung eines Bildes, das mehr ist als Farbe, Leinwand, Wand und Raum. Der Ansatz, den die Künstlerin seit vielen Jahren vertritt, ist die Selbstbestimmte Auseinandersetzung im Akt der Gestaltung über Inhalte und deren Ausdruck als gefühlte und erlebte visuelle Sensation. Diesen besonderen atmosphärischen Ereignissen nähert sich die Künstlerin immer wieder neu mit den Handwerkszeugen der Malerei, mit Pinsel, Farbe, Fläche und Raum.

Im weiteren beschreibt Claudia Schmidt den Prozess der Entstehung ihrer Bilder.

„Der malerische Prozess beginnt innerlich und verwirklicht sich nach außen: Ein Farbklang, ein Pinselstrich – das Interesse geht in eine bestimmte Richtung. Plötzlich taucht etwas Ziehendes auf, eine Bewegung. Oder ein Rhythmus, Hell Dunkel Akkorde. Die stoffliche Bearbeitung wird interessant. Materialausdruck. Ist das bisher Geschaffene eher ruhig ? Eher bewegt? Weiten sich einige Farben in diesem Zusammenhang ? Der Zusammenhang ist der Gehalt des Bildes, bezw. orientiert sich da. Eine Bildahnung entsteht durch abarbeiten verschiedener Schichten, bis es deutlich wird.“ – Bis zu dem Punkt der Lösung : „ man kennt die Richtung. Erinnert man sich dann, ist es wie ein Wiedererkennen. So ist das mit dem Bild: man erkennt es und dann ist es fertig. Es ist wie ein ´Händeschütteln im Dunkeln.“

Die Künstlerin wagt den ständigen Dialog mit ihren eigenen Produkten im Prozess der Malerei. Immer wieder beginnt sie auf der Leinwand einen Akt der Bildfindung, der aus der Auseinandersetzung mit farbigen Temperamenten, räumlichen Illusionen, materiellen Verdichtungen und emotionalen Rückerinnerungen getragen wird.

Sie befragt dabei stets die Beziehungen der Elemente auf der Leinwand untereinander und entwickelt aus diesem ständigen Gespräch eine Bildregie, die sie sicher bis zum endgültig fertig gestellten Bild leitet – das dann mindestens für die Malerin Claudia Schmidt mit dem Prozess der Malerei nur noch mittelbar etwas zu tun hat, sich vielmehr als materialisierte Erinnerung und konkretisierte Empfindung verselbstständigt hat und so autonom als Wahrnehmungseinheit gelten kann.

Die Künstlerin realisiert dann im letzten Ablösungsschritt – der sie selbst von dem Bild „befreit“ – auch das Gefühl für die Titelei, die im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Maler/innen für sie eine wichtige Weichenstellung darstellt, die dann als Beschreibung des Bildes selbst unmittelbar zu seiner Inhaltlichkeit beiträgt.

Oftmals sind diese Titel für den Betrachter Anstöße für weitere Assotiationen, weniger Hilfestellung zur Wahrnehmungsästhetik der Bilder. Seltener verweisen die Titel auf wahrnehmungspsychologische und damit bildinhaltserklärende Elemente wie bei „Grenzüberschneidungen“von 2005 oder der Serie „Durchlassform“, die sich über mehrere Jahre verteilt immer wieder als Thema von Arbeiten im Werk von Claudia Schmidt finden lässt.

Hierbei, so erkennt der Betrachter, wird der Titel auch zu einem Element der Bild gebenden Gestalt, indem sich Formen scheinbar wiederholen und mit dem Bildraum auf besondere Weise umgehen und so eine Wahrnehmungsform intendieren, die sich in den Bildern im Zentrum verdichtet und hier gleichsam ein Erlebnis von Raum und Farbimmanenz suggeriert, die den Betrachter in die Tiefe saugt.

Die Farbpalette, mit der Claudia Schmidt arbeitet, speist sich aus dem gesamten Spektrum malerischer Kapazitäten, wenngleich die Verdichtung und immaterielle Klarheit sich immer stärker, besonders in den letzten Arbeiten, mit der Farbe Blau identifiziert. Das Blau tritt in Claudia Schmidts Arbeiten in unendlichen Variationen auf, die sich immer anders temperieren, je nach dem, ob es sich in Richtung Grün oder Rot, ins Dunkle oder fast lichte Weiß hinbewegt findet und so einen fast luftartigen Binnenraum in den Bildern entstehen lässt, in dem die Formen wie Luftblasen zu schwimmen scheinen. Kreisformen finden sich denn auch häufig als letzte Schicht in die Bilder gesetzt und verleihen den Gestaltungsflächen dynamische wenngleich schwebende Bewegungsimpulse.

Die Rhythmik der Arbeiten steigert sich vor allen Dingen in den letzten Jahren entstandenen sehr kraftvollen und zum Teil mit verblüffender Farbigkeit gestalteten Werken, die so verräterische Titel tragen wie:

„Halt ! Wer kennt ein Frühlingslied“, „ Halt ! Hier alle ein Rad schlagen !“ oder „Rosablau und Peng !“

Die Formen sind hier fast in einem Farbrausch aufgelöst, der von kräftigem Rosa- bis hin zu schrillen Gelbtönen reicht und eine Dynamik der Leinwände provoziert, die an Explosionen erinnern. Diese Arbeiten tragen denn auch eine Besonderheit, denn die Künstlerin hat an den Rand der Bilder aus Papier geformte, wolkenartige Kugeln plastisch angebracht, die mehrere Assotiationen provozieren und gleichzeitig, was den Bildgehalt besonders maßgeblich bestimmt, die Malerei und das Bild selbst über den Rand hinaus verlängern. Hier am Rand konkretisiert sich das Bild, wird stofflich, wird materiell und bekommt gleichzeitig den Erfahrungswert des Konkreten. – So, als ob ein Betrachter von Ferne jenes Papierbällchen auf das Bild geworfen hätte, um hier den direkten Bezug zum Raum und zur Realität messbar werden zu lassen.

Der angesprochene Dialog, den die Künstlerin im Prozess ihrer Arbeit unternimmt, ist ein gleichberechtigtes Gespräch, bei dem die Malerin selbst gespannt sein darf auf den Inhalt, den die Plauderei im Laufe des Fortschrittes der Malerei nimmt.

Sie spricht davon, das ein Bild für sie selbst nur dann Substanz erhält, wenn sie über dessen Inhaltlichkeit zunächst im Unklaren ist . Sie sagt :

„ So lange ich es bin, der sagt, wo es lang geht, ereignet sich nichts. So kommt nur schonmal Getanes zur Anwendung. Indem ich das Gewordene unterbreche, aber nicht irgendwie , sondern (?), entsteht etwas Neues, ein Geheimnis, das ich noch nicht kenne. Wenn es gelingt, wird es zum Bild. Wenn nicht, fällt es zurück und wird wieder Stoff“.

Nachdem Claudia Schmidt in ihren frühen Jahren künstlerisch zunächst bei der gegenständlichen Malerei ansetzte, begannen sich die Formen und formsprachlichen Elemente im Laufe der prozessualen Vorgehensweise immer stärker aufzulösen, da jede zu enge Anbindung an außerbildliche Assotiationselemente der eigentlichen Entstehung des Bildes entgegentraten.

Der Ausdruck von Farbigkeit und deren dynamischen Wechselwirkungen auf der Bildfläche ist es im Wesentlichen, denen Claudia Schmidt malerisch und künstlerisch verbunden ist. Die Dynamik, aus der Farbdimension heraus entwickelt, tritt immer wieder in Kontrast zu scheinbar unfarbigen Bildräumen, die mit Ruhe und Tiefe das Bild in ein dynamisches Bewegungsfeld verändern.

Anlass für die Bilder jedoch bleibt stets der äußere Anstoß. Sei es durch ein Gefühl, eine Erinnerung aber meist auch durch ein konkretes Erlebnis wie zum Beispiel bei der Bildserie „ Halt! Wer kennt ein Frühlingslied“, das in der Tat einen Satz von Kindern – mit grellrosa Kreide quer über eine Dorfstraße gemalt – aufgreift.

Claudia Schmidt sagt: „Das ist eine „Straßenbarriere“, die ich gelten lasse – dies ist ein „Befehl“, der akzeptabel ist – ganz im Gegensatz zu den Straßenbarrieren und Tötungsbefehlen weltweit !“

Eine kleine Kinderrevolution, der sie mit der Bildserie Ausdruck verliehen hat und sie zu Botschaftern einer Vision realisiert hat, die ebenso in den Bildern zum Thema „The End of Violence“ gemeint ist.